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Susan Hiller * 1940 in Tallahassee (us), lebt und arbeitet in Berlin (de) und London (gb) The Last Silent Movie 2007, Audioinstallation, DVD, 20 Min., Farbe, Ton mit Untertiteln, Loop (Neue Nationalgalerie) What every gardener knows 2003, Außeninstallation, Tonprogramm, Loop (elektronisch kontrolliertes Glockenspiel) (Skulpturenpark Berlin_Zentrum) Susan Hillers Werk ist von Methoden der Konzeptkunst, des Katalogisierens, Systematisierens und Dokumentierens durchdrungen, mithilfe derer sie unterdrückte kulturelle Praktiken sichtbar macht. Häufig beschäftigt sich die Künstlerin mit der Herstellung von Subjektivität. Sie nutzt das Sagbare für das Unsagbare und umgekehrt, um versteckte und marginalisierte Dimensionen des Kulturellen freizusetzen. Dabei spielen Narrationen und Sound eine ebenso wichtige Rolle wie Fotografie und Installation. In ihrem Film The Last Silent Movie beschäftigt sich Hiller mit Sprachen, die im Aussterben begriffen sind. Aus dem Off des schwarzen Filmscreens ertönen Stimmen, die diese seltenen Sprachen erklingen lassen. In Hillers Film singen sie, erzählen Geschichten oder rezitieren Vokabellisten, während andere die Zuhörenden – sei es direkt oder indirekt – der Ungerechtigkeit ihres Verschwindens anklagen. Durch Hillers Choreografie der Tondokumente setzt ihr Film auf unheimliche Art die Geister der Vergangenheit frei. Nach Hiller »sollen die unbesuchten stillen Archive bedrohter ausgelöschter Sprachen geöffnet werden, um eine Komposition von Stimmen erklingen zu lassen, die keineswegs tonlos sind. Sie sind nicht still, da ihnen jetzt jemand zuhört.« Mit The Last Silent Movie ruft Hiller einen vergessenen Erfahrungsschatz der mündlichen Überlieferung und Erzählfiguren in Erinnerung. Gleichzeitig hinterfragt sie Vorstellungen von Zivilisation, Moderne und Kultur. Ihr Archiv von sprachlichen Rhythmen, Klängen und Melodien gibt Zeugnis von der Transformation und Vielfalt parallel existierender menschlicher Bedeutungssysteme und deutet zugleich ihre Vergänglichkeit an. Mit einem dunkel gehaltenen Bass beginnend, steigern sich die Töne in eine hohe synthetische Penetranz bis sie langsam wieder abklingen. Diese Geräusche lassen sich erst auf ein zweites, genaueres Hinhören in Gänze aus denen der »Stadtnatur« im Skulpturenpark Berlin_Zentrum herausfiltern. What every gardener knows ist eine Soundinstallation, die Susan Hiller in Auseinandersetzung mit Gregor Mendels (1822–1884) Theorie der Vererbung entwickelt hat. Auf der Basis der Mendelschen Regeln, die jedem Gärtner bekannt sein dürften, erklingt ein elektronisch programmiertes Glockenspiel, zur vollen Stunde in einer langen, zu jeder Viertelstunde in einer kürzeren Version. Hiller eignet sich das binäre Grundgerüst der Mendelschen Genetik an, um eine Komposition zweier sich wiederholender Töne – der Kreuzung von Eigenem und Fremdem – zu entwickeln. Die Klangarbeit ist versteckt installiert, so dass die Besucher das Ohr anstelle des Auges nutzen müssen. Die Aufklärung formte den Menschen vorrangig als sehendes Subjekt. Das Auge sollte der Erweiterung der Erkenntnis dienen, während das Hören als unreflektiert – förmlich direkt von der Ohrmuschel in das Gehirn wirkender, manipulativer Sinn – galt. Hiller nutzt diesen, um die Rationalisierung des Subjekts und um Mendels Entdeckung genetischer Muster zu befragen, die von der sogenannten Wissenschaft der Eugenik zur Tötung von Menschen mit »unerwünschten« Erbanlagen missbraucht wurde – so wie Gärtner danach streben, Unkraut vernichten. Die Künstlerin hat dabei bewusst das Geflecht von wilden Pflanzen, Gräsern und ungeordnetem Baumwuchs im Skulpturenpark Berlin_Zentrum als Ort für ihre Arbeit gewählt. Denn im Gegensatz zur Aufzucht perfekt uniformierter Populationen feiert Hillers Interpretation der Mendelschen Regeln die Vielfalt von Lebensformen. Sie können nur aus der Verbindung vom Fremden im Eigenen entstehen und umgekehrt. |